Kinder in Not

Hier finden Sie Beispiele und Fakten zum Thema Kinderarmut in Göttingen.

Kinderarmut in Göttingen hat viele Gesichter

Laut einer Befragung von 41 sozialen Einrichtungen in Göttingen aus 2007 (Fragebogenrücklauf: 51 %) gibt es mannigfaltige Erscheinungsformen des Armutsphänomens bei Kindern. Am häufigsten wurden von den Einrichtungen Defizite im sozialen und kulturellen Bereich benannt. Sie zeugen davon, wie armen Kindern und Jugendlichen die Teilhabe am normalen gesellschaftlichen Leben erschwert bzw. unmöglich gemacht wird. Die folgenden 3 Fallgeschichten sind der Praxis entnommen. Die Namen wurden zum Schutz der Betroffenen verändert.

In der ersten Fallgeschichten haben wir es mit dem Phänomen der verschämten Armut zu tun. Soziale Einrichtungen kennen Eltern, denen ein Anspruchsdenken sehr fern liegt. Sie versuchen ihren Kindern – soweit der finanzielle Rahmen es erlaubt – einen guten Start in die Zukunft zu ermöglichen. Hilfe nehmen sie nur sehr zögerlich, wenn überhaupt an, weil es ihren Wertvorstellungen zuwiderläuft.

Eine Familie aus dem vorderasiatischen Raum bemüht sich aufopfernd der Gesellschaft (Solidargemeinschaft) finanziell nicht zur Last zu fallen. Der Vater von 3 schulpflichtigen Kindern arbeitet als Taxifahrer für 700-800 €. Er ist ein in seinem Heimatland ausgebildeter Ingenieur. Er weiß, dass er als Arbeitsloser für seine Familie einschließlich Wohngeld etc. wesentlich besser finanziell gestellt wäre. Da er aber unter allen Umständen die Würde der Familie und insbesondere der Kinder wahren möchte, nimmt er die entstandene Armut oder neudeutsch „working poor" in Kauf. „Ich schäme mich Geld von den Menschen anzunehmen, die mir und meiner Familie Asyl gewährt haben, denn ich kann doch arbeiten. Ich weiß aber nicht, wie ich z.B. den Taschenrechner für die Schule bezahlen soll (circa 120 €) oder den Sportverein der Kinder."

Trotz netter Kochfibeln, die uns weiß machen wollen, wie man sich Schnäppchen und Häppchen-jagend auch mit wenig Geld gesund ernähren kann, ist es Fakt, dass biologisch wertvolle Produkte nun einmal kostspieliger sind. Fakt ist darüber hinaus, dass es in Göttingen Kinder gibt, die in Abfallkörben nach Nahrungsmitteln Ausschau halten, weil in der Familie auf verlässliche und ausreichende Ernährung nicht geachtet wird.

Die zweite Fallgeschichte verdeutlicht noch etwa anderes. Sie stemmt sich gegen das nicht auszurottende Vorurteil, dass Arbeitslose an ihrem Schicksal selbst schuld seien. Sie verdeutlicht auch, wie Ernährung eingesetzt wird, damit die Kindern der Familie in Schule und Freundeskreis doch „nicht zu kurz kommen".

Klaus M. ist 39 Jahre alt. Er war als Lagerhelfer in einem großen Betrieb tätig, bis er wegen eines Bandscheibenvorfalles arbeitslos wurde. Seine Frau, 4 Jahre jünger, hat keine Ausbildung, sie kümmert sich um die beiden Kinder, 14 und 12 Jahre alt, und hat eine Putzstelle auf 400,00-Euro-Basis. Nun lebt die Familie von Hartz IV, der Arbeitslohn seiner Frau wird angerechnet. Sie kommen gerade so über die Runden, meint Klaus M. Es dürfe aber nichts passieren, also keine Reparaturen für Haushaltsgeräte. Und die Schulsachen für die Kinder, die Kleidung, Einladungen zum Geburtstag von Schulfreunden der Sportverein „reißen auch oft ein großes Loch in die Haushaltskasse". Gespart werde eben am Essen, „Manchmal gibt es drei Tage hintereinander Nudeln mit Tomatensauce". Klaus M. hofft auf eine feste Arbeitsstelle. Es gibt aber keine für ihn. Bei den Bewerbungsschreiben hilft ihm ein Nachbar, denn „mit dem Schreiben habe ich es nicht so, das kann ich nicht gut." Seinen Kindern soll es einmal besser gehen, aber „dazu braucht man eben Geld und das haben wir zu wenig."

Zu den üblichen Armutsaspekten wie niedriger Bildungsstand, Sucht, psychischen Erkrankungen, Dauerarbeitslosigkeit, gestörte Familienverhältnisse kommen bei Migranten noch rechtlicher Aufenthaltsstatus, oft traumatische Kriegs- bzw. Flucht- und Vertreibungserfahrungen, sprachliche Inkompetenz und inkompatibler Bildungsstand erschwerend hinzu. Migrantenkinder erfahren oft weniger Förderung und Entwicklungsunterstützung von ihren Eltern, weil diese oft schon mit ihrem Alltag überfordert sind, sich in den hiesigen Strukturen nicht auskennen und aufgrund biographischer Erfahrungen verunsichert sind. Die Bestandsaufnahme (vgl. GT vom 27.08.07, Seite 7) auch über die Schulabschlüsse der Migrantenkinder in Göttingen spricht den Schwerpunkt und die Brisanz der Problematik an. So sind ein Fünftel der Schüler der Förderschule für Lernhilfe in Göttingen Kinder eingewanderter Eltern. In der letzten Fallgeschichte soll nun beispielhaft der Beginn einer solchen „Kinderkarriere" knapp dargestellt werden:

Im Jahr 2001 flüchtete die Familie Golubov (alle Namen geändert) mit ihrem Sohn Vachdet (5 Jahre) aus einem kaukasischen Kriegsgebiet nach Mittelasien. Vachdet wurde dort eingeschult und dementsprechend sollte er auch eine neue Staatssprache lernen. Zu der Zeit hatte er eine kaukasische Sprache als Muttersprache und konnte bereits russisch als alltägliche Umgangssprache. Aufgrund der ethnischen Diskriminierungen am neuen Wohnort und des andauernden Kriegszustands in ihrer Heimat beantragte die Familie Ende 2004 Asyl in Deutschland. Im Februar 2005 wurde der Junge hier altersgerecht in die dritte Klasse der Grundschule eingeschult. Die vierte Sprache (deutsch), die zu lernen und beherrschen war, kam bei dem normalbegabten Jungen (nunmehr 9 Jahre) zu den drei bereits „unvollständig" beherrschten hinzu. Im Jahr 2005 wird er wegen nicht ausreichender Sprachkenntnisse nicht benotet, rückt aber in die 4. Klasse auf. Auch 2006 wird er in den Hauptfächern wegen unzureichender Sprachkenntnisse nicht benotet; er soll die 4. Klasse wiederholen. Am Ende des Wiederholungsjahres wird er in allen Hauptfächern mit „5" benotet. Auf Beschluss der Klassenkonferenz wird für den Schüler ein Verfahren zur Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs durchgeführt, dessen Ergebnis die Anweisung an die Förderschule für Lernhilfe ist. Wird er in Zukunft – hier oder anderswo – eine realistische Chance haben?